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Die Wunder des Bodenlebens schützen

Veröffentlicht am 01.02.2020

Mit seinem Buch „Rettet den Boden!“ setzt Florian Schwinn fort, was er mit „Tödliche Freundschaft“ begonnen hatte. Vor zwei Jahren plädierte er für einen respektvollen Umgang mit Tieren, nun für eine schonende Nutzung der Böden. Das Thema ist hochaktuell. Die Klimadebatte verleiht der Idee neuen Auftrieb, mehr Humus und damit mehr CO2 im Boden zu speichern. Schade nur, dass sich Schwinn im Anekdotischen verliert.

Im ersten Teil des Buches erläutert der Autor anschaulich – von schönen Zeichnungen der Grafikerin Katharina Schmidt sinnvoll unterstützt – die beeindruckende Vielfalt der Bodenlebewesen. Allerdings fällt schon hier auf, dass sich der Autor kaum mit dem abstrakteren, sprich nur mikroskopisch erkennbaren Anteil des Bodenlebens befasst. Im zweiten Teil folgt eine Sammlung interessanter Aspekte zur Bodenbiologie. Es schließt sich eine kritische, zuweilen ausschweifende Darstellung der Eigentumsverhältnisse von Boden in Europa an. Diese mündet im vierten Teil in reportage-artige Vorstellungen von zwei Beispielen bodenschonender Landwirtschaft, die so auch in populären Zeitschriften veröffentlicht worden sein könnten.

Es ist die Stärke des Autors, die Leser auf Erkundungsreisen mitzunehmen und dabei interessante historische Bezüge herzustellen. Schwach wird die Bearbeitung des Themas jedoch immer dann, wenn es um naturwissenschaftliche Grundlagen geht. Es trifft zu, dass man im Boden CO2 lagern kann. Es wird aber mit keiner Silbe erwähnt, dass es zunächst die Pflanzen sind, die das CO2 aus der Luft durch Photosynthese binden. Erst wenn die abgestorbenen Pflanzenbestandteile zu Humus umgesetzt wurden, kann eine längerfristige Speicherung im Boden stattfinden. Daran sind zudem nicht nur die großen Bodentiere, sondern auch unzählige Mikroben beteiligt.

Ärgerlich sind außerdem ein paar sprachliche Stolperstellen, die man bei einem journalistischen Profi wie dem Autor nicht erwartet hätte. Dazu zählt beispielsweise die Verwendung des abwertenden „bäuerisch“ anstelle des neutral bis positiv konnotierten „bäuerlich“ in einem ansonsten befürwortenden Kontext. Wenig schön ist auch der „industrialisierte Landwirt“, selbst wenn klar ist, was damit zum Ausdruck gebracht werden soll. Zwar kann die Arbeitsweise des Landwirts industrialisiert sein, er selbst bleibt aber doch ein biologisches Wesen.

Mehr als ärgerlich sind dagegen inhaltliche Ungenauigkeiten. So stellt der Autor eine Studie zum Klimaschutz in der Landwirtschaft vor, und dabei werden mal eben aus 35 Millionen Tonnen CO2 lediglich 35 Tonnen des Treibhausgases. Solche Fehler beeinträchtigen das Vertrauen in die Recherche – und das anschließende Lektorat.

Alles in allem ein leicht lesbares Buch mit vielen Aspekten und Anekdoten zur Bodenfruchtbarkeit, aber keine fundierte Argumentationshilfe für weiterführende Diskussionen.

Florian Schwinn: Rettet den Boden! Warum wir um das Leben unter unseren Füßen kämpfen müssen, Westend-Verlag, Frankfurt, 2019, 24.-Euro